Das Graduierungssystem der Takeda Schule

Geschichte

Ursprünglich gab es innerhalb der traditionellen Ryu´s ausschließlich das Menkyo System.  (.jap Menkyo = Lizenz)

Der Grund dafür liegt auf der Hand. Das Wissen der Takeda Ryu wurde über Jahrhunderte nur den Schülern  des inneren Kreises  („uchi-deshi“ ) weitergeben.  Außerdem gab es immer nur eine einzige Instanz, welche für die Vergabe von Diplomen zuständig war. Der zu dieser Zeit amtierende Soke. (= Oberhaupt der Schule). Selbst unser derzeitiges Oberhaupt  Soke Hisashi Nakamura wurde noch nach der alten Methode unterrichtet und ausgezeichnet. 

Ende des 19 Jhd. (1882) eröffnete  Jigoro Kano, der Begründer des Judo, sein erstes Dojo in Tokio mit dem Namen Kodokan. Er übernahm eine Graduierungsform, welche in der Edo-Zeit für Spieler des GO (jap. Brettspiel) verwendet wurde.  Diese wurden damals zur besseren hierarchischen Ordnung von Honinbo Dosaku, dem herausragensten Go-Spieler aller Zeiten, in KYU und DAN Grade unterschieden. KYU war Synonym für Amateure und DAN für Profis im Spiel GO.
Dieses System wandte Jigoro Kano erstmals bei der Vergabe des ersten DANs in Judo an Shiro Saigo und Tsunejiro Tomita im Jahre 1883 an. Der EinflussKanos auf die Gesellschaft war enorm. Demnach wurde später in jeder Schule Kendo und Judo zur körperlichen Ertüchtigung unterrichtet.  Damit wurde im allgemeinen Bewußtsein der Japaner auch dieses Graduierungssystem mit der Zeit selbstverständlich. Aber auch daß es sich bei Judo und Kendo hauptsächlich um Sportarten und nicht mehr um traditionelles Bujutsu handelte, wurde ebenfalls tief in die Seele Japans verankert.
Daher sind KYU und DAN Graduierungen auch heute noch hauptsächlich ein Indikator für sportliche Leistungen und Wettkämpfe. Zumal pro Wettkampf nur eine bestimmte Graduierung zugelassen wird. (z.B. für internationale Turnier muss ein 3.DAN vorliegen; für nationale Turniere ein 1.DAN usw.)
Die Europäer übernahmen dieses System ohne Kenntnis des traditionellen und kulturellen Hintergrundes. Woher auch, alle Kampfsportarten, welche zu Beginn des 20 Jhd. nach Europa kamen waren zum damaligen Zeitpunkt nicht älter als maximal 100 Jahre. Die Ryu, die traditionelle Schule der Samurai, wurde für Gaijin (=Ausländer) nicht zugänglich gemacht. Diese Schulen hatten es auch sehr schwer, da nach Ende des 2. Weltkrieges die Ausübung aller Kampfkünste in Japan verboten war und alle damaligen Großmeister im Widerstand zu den Amerikanern standen. Daher sank nach Hiroshima und Nagasaki auch der Rückhalt in der japanischen Bevölkerung. Die Scham nach Verlust der vielen Menschenleben und des Krieges machten verständlicher Weise die Bewohner Japans nicht mehr für irgendeine Art von Kriegskunst und Widerstand zugänglich. Die Ryus verschwanden im Untergrund.
Die Wiederbelebung des Interesses kam hauptsächlich durch Jigoro Kano, welchem der Spagat zwischen Kampfsport und Verständnis in der Bevölkerung gelang. Aber es dauerte weitere 50 Jahre bis sich die alten Ryus in offiziellen Registern wieder fanden.

So auch die Takeda Ryu. Soke Nakamura, der 1973 offiziell seine Schule unter Takeda Ryu Nakamura Ha registrieren lies, verstand sehr schnell, dass das System der Uchi-Deshi ausgedient hatte. In Zusammenarbeit mit Sofue Sensei, heute Kaiden Shihan (= Inhaber des Menkyo Kaiden), erarbeiteten beide ein System, dass den gesellschaftlichen Anforderungen der Zeit gleichkam, ohne aber ihre Tradition und Geschichte zu verlieren. Dieses System ist daher nicht bloß eine Ansammlung von Graden und Lizenzen, sondern in erster Linie noch immer als der traditionelle Weg der Lehre so zu verstehen, dass der/diejenige, welche Lehrer(in), oder Meister(in) werden möchte, die philosophischen, psychologischen und physiologischen Anforderungen zu meistern hat.
D.f. Die wahre Lehre wird sich erst demjenigen öffnen, welcher willentlich und wissentlich den Weg des Meisters einschlägt. Das europäischen Denken und meine Erfahrung zeigen, dass dieser Grundgedanke sofort einer Wertung unterzogen wird. Und zwar in dem Sinne, dass jemand der KEIN Meister werden möchte, keinen kompletten Zugang zur Lehre bekommt und daher dieses Ziel abzulehnen ist. Doch das ist grundfalsch. So denkt nur derjenige, dessen Anspruch an eine Kampfkunst, der eines nicht Praktizierenden ist. Warum? Jeder Meister hat um seine Ziele zu erreichen ausschließlich und nur Takeda Ryu erlernt und praktiziert. Viele Menschen, speziell in der heutigen Welt, können gar nicht mit dieser wöchentlichen Stundenanzahl Takeda Ryu lernen. Familie, Job aber auch das eigene Wohlbefinden stehen vollkommen berechtigt im Vordergrund. Und das ist gut so. Es waren und sind immer nur sehr wenige Menschen, welche den technischen, geistigen und körperlichen Level eines Meisters der Takeda Ryu erreichten. Diese wissen um die Entbehrungen und Anstrengungen. Diesen wenigen Menschen sollten wir mit Respekt gegenüber treten und ihnen dafür danken eine Tradition für uns am Leben zu erhalten. Aber genau diese Meister, mit all denen ich mich über dieses Thema unterhalten habe, stellen gar nicht den Anspruch an ihre Schüler es ihnen gleich zu machen.  Sie sind aufgeklärt genug, dass das harte Training sowohl geistiger als auch körperlicher Natur in der heutigen Zeit nicht mehr diese Notwendigkeit zu haben scheint. Die Meister sind eher unerwartet erfreut, wenn ihnen mitgeteilt wird, dass ein Schüler den Weg des Meisters gehen möchte. Aber erwarten tun Sie es nicht.

Aufgrund dieser aufgeklärten Sicht haben sowohl Soke Nakamura als auch seine engsten Berater und Begleiter, Sofue Sensei, Morita Sensei und Toyoshima Sensei einigen Graduierungen in Europa Ende der 1980er und 1990er Jahre zum Joden Shihan und Okuden Shihan aus zweierlei Gründen zugestimmt. Und dieses Phänomen ist auch in Japan durchaus Gang und Gäbe.
Im Wissen um die Schwierigkeit und Dauer des Weges hat Soke Nakamura einigen Europäern aus Dank und Anerkennung um ihre Arbeit zur Verbreitung von Takeda Ryu Nakamura Ha sowohl das Menkyo Joden als auch das Menkyo Okuden zuerkannt. Soke hat damals sehr wohl erkannt, dass ohne diese Personen Takeda Ryu in Europa keine Zukunft gehabt hätte. Als Motivation und Unterstützung für ihre Arbeit sollten diese Auszeichnungen dienen. Auf keinen Fall aber als Beleg der technischen, mentalen und körperlichen Fähigkeiten. Dafür waren diese Personen zu kurz im Training. Gedankt haben es ihm diese Personen  und den anderen Meistern damit, dass diese kurze Zeit nach der Auszeichnung ihre eigenen Schulen eröffnet haben und sich selbst zu Sokes ausgerufen haben und damit jeglichen Kontakt zur Mutterschule abbrachen. Deren Wissen ist daher limitiert. Sie brauchen nur die veröffentlichten Lebensläufe studieren. Die Jahre des Trainings in Takeda Ryu Nakamura Ha sind weit weniger als suggeriert.

Im Übrigen ist die Praxis des Zugeständnisses der Arbeit auch Abseits der Matten auch in Japan an der Tagesordnung. Auch dort werden Personen mit Menkyos ausgestattet um ihnen Wertschätzung und Unterstützung entgegen zu bringen. Entgegen dem europäischen Geiste, wissen aber diese Personen um ihre technischen Fähigkeiten und würden sich nie einem Gleichrangigen, aber eben die volle Zeit durchlaufenden Meister als ebenbürtig ansehen.
Vielleicht ist das eine der Eigenschaften der Japaner, welche mich davon überzeugt hat, auch weiterhin den beschwerlichen Weg zu gehen und mein Leben ganz und gar der japanischen Schule und ihrer Lehre zu verschreiben. 

Das System

Auch in der Takeda Ryu wird zuerst in KYU und in DAN unterschieden.

In jeder Disziplin beginnt der Schüler mit dem 8.KYU. Dann geht es von 7.KYU bis zum  1.KYU weiter.
Danach folgt der 1.DAN bis dann eben zum 8.DAN in jeder Disziplin.
Eines darf aber im Gegensatz zu Kampfsportarten nicht vergessen werden. Diese Art der Graduierung dient in erster Linie zur Orientierung für den Schüler selbst.

So muss bis zum 4.DAN in jeder Disziplin die DAN Prüfung in zweierlei Form stattfinden. Einerseits muss ein Wettkampf bestritten werden, danach ein sogenannter KATA-Test.
Von drei Wettkämpfen müssen mindestens 2 gewonnen und einer unentschieden beendet werden. Erst dann ist der Schüler zur KATA-Prüfung zugelassen. D.f. wer einmal verliert beginnt wieder von Neuem.
Was ist der Sinn dahinter?
Der Sinn liegt in der Vorbereitung auf das Kommende. Ein 4.DAN ist in der Takeda Ryu schon eine recht hohe Graduierung. Soke Nakamura setzt in seinen eigenen Aussagen an mich fest, dass der 5.DAN eine Schwelle darstellt. Der 5.DAN in einer Disziplin gewährt  Zulass zur Vorbereitung auf das erste wichtige Menkyo. Dem Joden Menkyo.

Lizenzen:

4-3-2 (Aikijutsu, Iaijutsu, Jojutsu) = Shoden Menkyo => erster Assistenzgrad.  Unterstützt den Meister beim Unterricht in seinem Dojo.  Erreichbar nach ca. 8 – 10 Jahren Training

5-4-3 (Aikijutsu, Iaijutsu, Jojutsu) =  Chuden Menkyo => zweiter Assistenzgrad. Unterstützt den Meister im Dojo. Erreichbar nach ca. 10 – 15 Jahre Training.

MENKYO JODEN 

Der erste Meistergrad ist demnach das Menkyo Joden.
Die Anforderung sind (6-5-4-3) (Aikijutsu, Iaijutsu, Jojutsu, Jukempo)
Erst ab diesem Grad ist in Japan erlaubt ein Dojo zu eröffnen und zu führen, als auch Assistenten auszubilden und zu führen.
Erreichbar nach 20-25 Jahren Training.

MENKYO OKUDEN 

Der zweite Meistergrad ist das Menkyo Okuden.
„Oku“ heißt, tief eingedrungen.
Die Anforderung sind (7-6-5-4-3) (Aikijutsu, Iaijutsu, Jojutsu, Jukempo, Kenjutsu)
Erreichbar nach 30-35 Jahren Training.
Dieser Grad ist nur nach Führung eines eigenen Dojos möglich. Diese Graduierung wird nur mehr von Soke selbst vergeben.
Nach mehr als 60 Jahren Ära Soke Nakamura gibt es in Japan momentan 8 Okuden Shihan. Ein Zeichen mehr wie selten, gemäß der japanischen Anforderungen diese Auszeichnung vergeben wurde.

Die unterschiedlichen Zeitangaben liegen daran, dass es sehr wohl am Einsatz des Schülers liegt, wie schnell dieser weiterkommt. Aber dennoch sind aufgrund von Erfahrungswerten Zeitschwellen eingebaut. Dies ist nun essentiell zum Verständnis des Graduierungssystems.
Das Können steht im direkten Zusammenhang mit  eigener körperlicher Erfahrung. Diese kann aber nur über einen bestimmten Zeitraum reifen. Das bloße Auswendig lernen der Namen von Techniken, das bloße Nachahmen von Bewegungsabläufen führt nicht zum Ziel und schon gar nicht zur tiefer sitzenden Erkenntnis. In traditionellen Schulen, wie auch Takeda Ryu eine ist, geht es vor allem um tiefe körperliche und geistige Erfahrung. Und das braucht in jedem Fall seine Zeit.
Der Meister, welcher selbst alles körperlich erfahren hat, weiß um diese Zeitspanne. Und damit beginnt auch das größte Missverständnis im Westen. Die ersten 20 -25 Jahre Training gibt es keine Geheimnisse, in dem Sinne, dass durch bloßes mündliches Erklären technisches Raffinessen vermittelt werden. Nein. Durch das konstante Training reift ihr eigenes Verständnis und Gefühl für ihren Körper. Ihre Wahrnehmung wird diffiziler und damit auch genauer. Erst nach einer langen Zeitspanne beginnen Sie Muskeln, Bewegungsabläufe zu erfühlen, die lange unter ihrer oberflächlichen Wahrnehmung verschüttet waren. Dem Schüler, der erstmals solche Erkenntnis hat, mag es oft wie ein Geheimnis vorkommen, aber das ist es nicht. Es ist nur ein weiterer Schritt zur Erkenntnis. Dies wird im Bujutsu wie im Zen das „Geheimnis der Praxis“ genannt. D.f. wer nicht regelmäßig (mehrmals die Woche) über Jahrzehnte hinweg trainiert, wird diesen Zugang nie erreichen.
Daher wird, was die technische und körperliche Qualifikation des Joden Menkyo betrifft, dieses frühestens nach 20 Jahren Trainings vergeben.

Bis heute hat niemand in Europa regelmäßig und ausdauernd diese Zeitspanne Takeda Ryu Nakamura Ha trainiert und in Verbindung mit Japan und deren Meistern erlernt.

MENKYO KAIDEN

Der letzte Meistergrad ist das Menkyo Kaiden.
„Kai“ heißt, alles übermittelt. Die Anforderungen sind nicht mehr an DAN Graduierungen gebunden.
Erreichbar nach mind. 35 Jahren Training.
Gemäß der Tradition wird dieses Menkyo nur einmal pro Ryu vergeben. Der Inhaber des Menkyo Kaiden gilt als legitimer Nachfolger von Soke. Daher kann diese Lizenz verständlicher Weise nie an einen Nicht-Japaner vergeben werden. Speziell in diesem Fall ist auch in der Takeda Ryu die Tradition beinhart. Soke Nakamura hat bis dato 3 Personen sein gesamtes Wissen übermittelt. Dies sind Kaiden Shihan Sofue, Okuden Shihan Morita und Okuden Shihan Toyoshima. Da es aber nur einen Kaiden Shihan geben sollte, wurde schon vor einiger Zeit Sofue Sensei mit dieser Lizenz ausgezeichnet.