Chuden Kyohan Walter Schwenk

Sensei Schwenk Anfang Mitte der Neunziger

Geboren 1972;
1991 trat er in den Nihon Sobudo Rengokai ein und studierte Aikido, Iaido, Jodo, Jukempo, Kendo und andere Kampfkünste im Takeda-Stil;
2005 gründete er sein eigenes Dojo, das Budo Institut, und leitet diese Schule seither, unterrichtete vorher viele Jahre in den damaligen Organisationen Europas
2006 erhielt er von Soke Nakamura das das Zertifikat zur Ernennung zum Repräsentanten von Takeda Ryu Nakamura Ha im deutschsprachigen Raum.
Meine Geschichte im Takeda Ryu Nakamura Ha ist eng mit der turbulenten Geschichte Europas verbunden.

Anfang der 1990er Jahre begann ich in Österreich Takeda Ryu Nakamura Ha zu erlernen. Ich war blutiger Anfänger, ohne jegliche Vorkenntnis in Kampfkünsten und daher sehr leicht von allem beeindruckt. Und es machte mir unendlich Spaß. Ich werde nie den Moment vergessen, als ich das erste mal einen Hakama anzog. Sofort kam ich mir vor wie ein Samurai und sprang dementsprechend herum.

1993 war es dann soweit. Ich sah zum ersten Mal Soke Nakamura und die japanischen Meister, Morita, Toyoshima und Matsushita auf einem Seminar in Europa. Ich war zutiefst beeindruckt. Diese Eleganz, diese Leichtigkeit, diese Ausstrahlung. Sie schlugen mich voll in ihren Bann.

Damals wusste ich, dass diese Begegnung nicht die letzte sein sollte, sein durfte. Ich empfand es schon damals als großartiges Privileg von diesen Meistern unterrichtet zu werden. Diese Motivation hat mich bis heute nicht verlassen. Nach diesem Seminar wusste ich, dass ich mein Leben dem Takeda Ryu Nakamura Ha widmen wollte.

Ich erhöhte meine Trainingsfrequenz von 3 mal auf 5 mal die Woche. Voller Eifer besuchte ich alle Seminar der japanischen Meister, welche in den nächsten Jahren folgen sollten. Dieser Eifer hatte auch eine Kehrseite, welche ich nicht verheimlichen möchte. Es fällt mir nicht leicht darüber zu schreiben, es ist aber notwendig.

Ich war im sechsten Jahr meiner Laufbahn und trainierte 7 mal die Woche, täglich 2 Stunden, auch sehr oft alleine. Mit dieser Steigerung meiner Trainingsfrequenz musste zwangsläufig das Privatleben darunter leiden. Ich begann zu merken, dass ich immer mehr vereinsamte. Niemand konnte verständlicher Weise meine Art zu Leben, oder besser meinen Einsatz, der manchmal an die körperlichen Grenzen ging, verstehen. "Warum quält Du dich so?" wurde ich oft gefragt. Ich konnte damals keine Antwort darauf geben. Und plötzlich war ich alleine und in einem Dilemma. Weder Takeda Ryu Nakamura Ha noch mein Privatleben wollte ich aufgeben.Sensei Schwenk Ende der Neunziger bei einer Aufführung

Was tun? Ich spürte, dass irgendwas nicht richtig lief. Ich wandte mich an die Philosophie, ich wandte mich an ZEN. Bis zu diesem Zeitpunkt kam ich damit nicht in Berührung. Es wurde im Training kein Wert darauf gelegt und daher vernachlässigt. Ich war sehr erstaunt zu lesen, dass ZEN die Seele Japans sei, dass jeder Samurai sich intensiv mit ZEN beschäftigte und dass es eben integraler Bestandteil des Bujutsu war und ist. Ich vertiefte mich in die alten Meister, begann zu meditieren, zu sitzen. Allmählich fühlte ich, dass dies genau der fehlende Teil meines Verständnisses war.

Ich verstand nicht warum dies nie unterrichtet wurde, warum nicht erklärt wurde, dass Philosophie wichtiger Teil des Takeda Ryu Nakamura Ha ist. Ich begann zu fragen. Damit wurde ich unangenehm. Man konnte mir keine Antwort darauf geben.
Heute bin ich sehr dankbar, für die sieben Jahre die folgen sollten. Mittlerweile wurde ich von Soke Nakamura zum Assistenzlehrer ernannt. Ich reiste mit europäischen Lehrern quer durch Europa und assistierte unentgeltlich bei zahlreichen Seminaren. Ständig begleitete mich die Frage bezüglich der Philosophie. Und ständig fragte ich danach. Keine Antwort.
Ich wurde offensichtlich immer unangenehmer, stellte ich doch die Inkompetenz auf diesem wichtigen Feld des Takeda Ryu Nakamura Ha bloß. Man wollte mich loswerden.  Nach mehr als 13 Jahren kehrte ich allen europäischen Organisationen, welche damals Takeda Ryu Nakamura Ha vertraten, den Rücken und begann mein eigenes Dojo aufzubauen. Ich war nun wieder alleine, keine Schüler aber ich hatte mein Dojo. Mein Traum war in Erfüllungen gegangen. Die Philosophie, das noch immer tägliche Training, nun in meinem eigenen Dojo (wie wunderbar), erfüllten mich derart mit Sicherheit und Kraft, dass ich an der Richtigkeit meines Wegen keinen Zweifel hatte. Nach zwei Jahren, nachdem alles errichtet war, ich eröffnet hatte, wandte ich mich nach Japan. Mein Herz schlug noch immer für Takeda Ryu Nakamura Ha und dies wollte ich klarstellen. 

April 2006 bei Soke NakamuraApril 2006 war es dann soweit. Soke Nakamura empfing mich in seinem Haus. Es wurde ein überwältigender Abend. Die Meister Morita und Toyoshima waren ebenfalls extra zu Soke gereist, um mich zu treffen und mich zu befragen. Ich erklärte ihnen die Gründe meines Entschlusses, zwei Jahre zuvor, und auch warum ich nach Japan kam und um ein Treffen bat.

Dieser Abend ist wohl einer der wichtigsten in meinem Leben geworden.

Soke Nakamura erklärte mir, dass er schon damals 1993 das Feuer in meinen Augen gesehen hat. Meister Toyoshima erzählte mir, dass ich schon damals gesagt habe, eines Tages ein eigenes Dojo haben zu wollen und meine Augen denen eines Jägers glichen, auf der Suche. Ich hatte diese total vergessen.
Ich erklärte, dass das Fehlen jeglicher Philosophie es mir unmöglich gemacht hatte länger den Lehrern in Europa zu folgen.
Und dann erklärte Soke Nakamura mir eindringlich, dass Philosophie die einzige Grundlage zum Verständnis Japans und der Takeda Ryu Nakamura Ha sei. Diese müsse verinnerlicht sein. Das Verständnis von Disziplin, Fleiß und Ehrlichkeit erwachse aus der Philosophie. Authentizität ist die erste Frucht, welche daraus erblüht.

"Nur wenn Sie mit ihren Schülern schwitzen, werden diese ihnen glauben!" erklärte er, womit er ausdrückte, dass nur durch das Tun alles verstanden (= erfühlt) werden könne und dies nie aufgegeben werden dürfe.
Soke Nakamura, die Meister Morita und Toyoshima erzählten mir an diesem Abend die gesamten Hintergründe der letzten 15 Jahre in Europa. Mir gingen ganze Kronleuchter auf. Ich war einerseits erschüttert und andererseits tief berührt. Alle Vertreter der Takeda Ryu aus den Anfangsjahren hatten in der Zwischenzeit ihre eigenen Stilrichtungen gegründet und sich zu Sokes ausgerufen. Nach weniger als 15 Jahren Trainings.
Da saß ich nun, bei Soke Nakamura und den anderen Meistern. Auf selber Höhe. Nicht der geringste Anflug an Überheblichkeit wurde mir entgegen gebracht, keine negativen Worte, einzig Authentizität, Ehrlichkeit und tiefste Empathie. Ich hatte das erste mal das Gefühl verstanden zu werden. Ich war angekommen.
Mein Weg, mein Entschluss alles hinter mir zu lassen, meine intensive Arbeit die letzten 13 Jahre hatten mich hierhin gebracht. Ich war glücklich.

in Sokes Haus einige Wochen späterWenige Wochen später war ich erneut in Japan und wurde von Soke Nakamura, den Meistern Morita und Toyoshima unterrichtet. Es war einfach herrlich und tief beeindruckend, endlich die authentische Lehre zu spüren.
Dezember 2006 reiste ich zu meinem ersten Turnier nach Japan. Es ging um Iaijutsu. Ich trat in der Disziplin Batto-Shiai an. Dem Wettkampf, bei dem es um Präzision und Schnelligkeit geht.
Damals erfuhr ich, dass ich der erste Europäer überhaupt war, welcher zu einem innerjapanischen Turnier antrat. Ich konnte den 4.Platz von mehr als 30 Teilnehmern erreichen.

Jänner 2006 übermittelte mir Soke Nakamura die Lizenz zur Repräsentanz seiner Schule. Von diesem Zeitpunkt an, war mein Leben wieder mit Takeda Ryu Nakamura Ha unmittelbar verknüpft.

Ich vereinbarte mit Soke Nakamura, dass 

  •  jedes Mitglied meines Budo Instituts Zugang zu allen Turnieren und Prüfungen in Japan hat
  •  jedes Mitglied meines Budo Instituts DAN-Prüfungen ausschließlich vor japanischen Meistern in Japan, oder Europa ablegen wird, um die Authentizität der Schule zu gewährleisten
  • dass alle zwei Jahre, alternierend Mitglieder meines Dojos mit mir zu Turnieren nach Japan fahren und japanische Meister nach Wien kommen werden.

im Hombu Dojo mit Soke und Morita sensei

Damit soll ein für alle mal die authentische Lehre in Europa abgesichert werden. Dieser Schritt ist einzigartig und Soke Nakamura war sehr froh, über diesen Entschluss.

Im Mai 2007 trat ich zur Prüfung zum 5.DAN in Iaijutsu an. Diesesmal im Hombu-Dojo, dem Zentraldojo, welches Soke Nakamura in den 1960er Jahren gegründet hatte.
Und wieder musste ich erfahren, dass ich der erste Europäer war, welcher überhaupt zu dieser Prüfung antrat. Keiner der Lehrer in Europa, welche in der Zwischenzeit alle Soke Nakamura wieder verlassen hatten, hatte jemals eine solche Prüfung gemacht.

Jährlich mindestens zwei Aufenthalte in Japan helfen mir Takeda Ryu Nakamura Ha tiefer zu verstehen und in Europa zu verbreiten.