Die Philosophie
Das letzte Prinzip baut auf allen voherigen auf. Sie haben ihren Körper soweit entwickelt, dass nun der Geist auf einen höheren Grad gehoben wird. Dazu benötigen Sie ZEN, die Philosophie Japans.
Um TAKEDA RYU NAKAMURA HA zu verstehen, muss man Japan verstehen.
Um Japan zu verstehen, muss man die Religion bzw. Philosophie verstehen. Diese basieren auf zwei Säulen, dem Buddhismus und dem Shintoismus.
Das Wort "Shinto" hat chinesischen Ursprung und ist in etwa mit "Weg der Götter" zu übersetzen. Anders als in Europa sind zusätzlich alle herausragenden Persönlichkeiten, ebenfalls Götter. Ein Mensch kann demnach zum Gott werden. Daraus entstand ein ausgeprägter Ahnenkult. Der Ursprung des Shintoismus kann nicht eindeutig geklärt werden, liegt aber dennoch in der Urgeschichte Japans verborgen. Neueste Forschungen teilen nicht mehr die Meinung, dass Shintoismus vor Buddhismus in Japan existierte. Vielmehr sollen sich beide nebeneinander entwickelt haben.
Die Geschichte des Buddhismus ist hinreichend erklärt. Dieser kam, nach Gründung in Indien 300 - 400 v. Chr., 500 - 600 n.Chr. über China nach Japan. Diese Religion stellt erstmals den Menschen als Ganzes in den Mittelpunkt. Diese Kombination zwischen Shintoismus und Buddhismus durchtränkt noch heute die Seele Japans und die jedes einzelnen Einwohners dieser Inseln. Der Buddhismus proklamiert Verhaltensregeln, der Shintoismus lässt nur besondere Menschen zu Göttern werden. Ergo lebe nach den Verhaltensregeln des Buddhismus und werde eine herausragende Person und damit nach Deinem Tod ein Gott. Das Ziel des Buddhismus ist die Erleuchtung. Das eins werden mit dem Universum, eben auch göttlich zu sein.
Aufgrund der langen Tradition ist diese Kombination der Glaubensrichtungen so derart tief in der Seele Japans verankert, dass die religiösen Handlungen als selbstverständlich erscheinen. Die beginnt bei den täglichen Begrüßungen geht weiter zu den kleinen Schreinen, welche in jedem Heim anzufinden sind, bis hin zur "tokonoma", der traditionellen Nische im Empfangszimmer eines japanischen Hauses, welche zu Ehren der Gäste verschieden ausgeschmückt wird. Im Bujutsu sind diese Handlungen unter anderem das Verneigen zum "Shinzen", dem Göttersitz "kamiza". Das gegenseitige Verneigen bei Übungsbeginn und Ende, das Prinzip von "Sempai" (= der Ältere) und "Kohai"(= der Jüngere).
Die Reflexion, welche vom Buddhismus vorgeschrieben ist, gipfelte in fundamentalen Erkenntnissen. Davon sollen auch für das Bujutsu drei wichtige genannt werden.
1. das Prinzip des Yin - Yang
2. das Prinzip der Zeit: es gibt keinen Stillstand, alles ist in Bewegung so auch die Zeit und daher ist es sinnlos diese beherrschen zu wollen
3. der Einheit von Körper und Geist als unteilbares Ganzes
All das vereint sich im ZEN. DER buddhistischen Ausprägung Japans. In dieser werden alle Erkenntnis zu einem kompletten Ganzen zusammengeführt.
Der Einfluss der ZEN-Philosophie auf Bujutsu kam, gemessen an dessen Entstehungsgeschichte, reichlich spät. Erst ab der Mitte des 5. Jahrhunderts, als der chinesische Einfluss in Japan stark zunahm, kamen auch die ersten Mönche aus China. Das Verbreiten ihrer Lehre war nur zu Hofe und unter der Aristokratie erlaubt, sodass der Großteil der Bevölkerung diese vorerst nicht wahrnahm. Die Aristokratie ("kuge") Japans verfuhr im Umgang mit der neuen Denkweise prinzipiell nicht anders als unsere Vorfahren in der Antike. Auch dort wurde Philosophie eher zum gesellschaftlichen Zeitvertreib als zur intensiven Reflexion über die Welt oder einem selbst, gebraucht.
ZEN und der Krieger
Die Übernahme der Staatsführung Japans durch die Militärkaste ("buke") brachte den dramatischen Wandel für das Bujutsu. Ein wenig salopp formuliert, wollten die Samurai den "hohen" Herrschaften um nichts nachstehen. Sie adaptierten einfach die Philosophie und versuchten diese in ihre Lebensart zu integrieren. Aber dies gestaltete sich zu Beginn nicht so einfach, lag doch schon damals die Rücksichtnahme auf das Leben aller Lebewesen der buddhistischen Philosophie zugrunde. Wie dies mit den Samurai, den Kriegern, verbinden?
Die Lösung brachten unter anderem die Lehren von Konfuzius, die in ihrer Philosophie den Staat und nicht den Menschen in den Mittelpunkt stellten. Die Huldigung der Herrschaftsschicht und das Funktionieren des Staates (natürlich ausschließlich zum Wohle der Führer desselben) schaffte den Durchbruch in dieser Philosophie.
Aber auch direkte Kampferfahrung mit den auch damals in Japan vorhandenen Kampfmönchen, welche ihre Klöster in den Bergen Japans hatten und deswegen "yamabushi" (od. "yamahoshi") genannt wurden, prägten die Notwendigkeit sich dem ZEN zuzuwenden. Die Samurai waren sehr von der Ruhe und dem Gleichmut der Mönche im Kampf beeindruckt als diese dem Tot unmittelbar ins Auge sahen.
Diese unglaubliche Kontrolle seiner selbst, war einer der Ausgangspunkte für das große Interesse der Samurai am ZEN.
Außerdem nahm die Militärführung des Staates ihre Vorbildstellung sehr ernst, ganz nach den Empfehlungen des Konfuzianismus. Verfehlungen gegen die Gesetze des Staates, wie aber auch gegen den Buddhismus wurden mit dem Tode geahndet. Der Samurai hatte immer als Vorbild, als Beschützer, als Diener seines Herren zu gelten, ohne Anspruch auf eigene Persönlichkeit.
Der weltbekannte Text "Bushido - Der Weg des Kriegers" oder das "Hakagure" sind Ergebnisse dieser Zeit.
Diese Texte werden in Europa aufgrund fehlender Kenntnis des ZEN sehr oft missverstanden. Diese Texte dienen als Ideal, als Ziel, als Vorbild. Der Samurai arbeitete genauso hart an der Erfüllung dieses Ideals, wie auch an der Perfektion seiner Kampfkunst. ZEN zielt auf die Auflösung jedes Egos ab. Dies ging perfekt mit der Aufgabe der Krieger zusammen. ZEN kannte auch schon den Weg, wie dies zu erreichen war. ZEN wurde Mittelpunkt des Lebens.
Die Samurai prägten über 600 Jahre lang die Denk- Lebens- und Handlungsweise jedes Einwohners.
So etwas ist bis heute einzigartig.
Intensive Reflexion, Meditation aber auch - und das ist der große Unterschied - intensive körperliche Arbeit bringen das Individuum auf einen höheren Erkenntnisstand. Die körperliche Erfahrung ist die Probe aufs Exempel der geistigen Überlegung.
Der westliche Mensch glaubt viel zu oft, zu "wissen" wie etwas funktioniert, ohne es körperlich auszuprobieren. Das Resultat ist zumeist maßlose Selbstüberschätzung, die in den seltenen Fällen der unmittelbaren Anwendung meist zu negativen Erfahrungen führt.
Das muss nicht sein.
ZEN-Philosophie soll Sie als Individuum zu sich selbst führen und Sie von ablenkenden, störenden Einflüssen auf seinen Geist und seinen Körper befreien, um Ihnen ein klares Bild der Realität und ihrer Position darin zu geben, im Idealfall solange bis es keine eigene Person mehr gibt und der Mensch eins wird mit dem Universum. Dies wird "satori" (= Erleuchtung) genannt.
Zuerst müssen Sie sich körperlich anstrengen. Dies ist die offensichtlichste Darstellung Ihrer eigenen Kapazitäten und Möglichkeiten vor Ihnen selbst.
Diese körperliche Aktivität wird Ihnen Ideen bringen, über welche Sie intensiver nachdenken werden (=Selbstreflexion). Dabei werden in Ihnen Fragen entstehen, wahrscheinlich viele Fragen. Nun, Sie müssen die Antworten darauf nicht neu, geschweige denn alleine, finden. Die Philosophie hat schon einige dieser automatischen Fragen klar und abschließend beantwortet. Außerdem ist dies der richtige Zeitpunkt sich mit Gleichgesinnten auszutauschen (=Philosophieren). Der Abschluss findet sich nun darin, mit Abstand zu sich selbst, über die vorhergehenden drei Stufen intensiv nachzudenken (=Meditation).
Der Kern dieser Philosophie: Körperliche Arbeit - Selbstreflexion - Philosophie - Meditation.
Daraus folgt ein zu oft missverstandener Satz: "Körper und Geist in Einklang bringen".
Erst dann wird Ihnen klar sein:
Warum Sie in manchen Situationen Angst haben?
Warum Sie sich in manchen Situationen nicht zurückhalten können?
Ihnen wird weiters aber auch klar werden: Warum Sie in manchen Situationen erfolgreich waren?
Wie Sie sich in diesen Situationen gefühlt haben? usw.
Haben Sie dies für sich begriffen, beginnt dieser Kreislauf von Neuem.
Die asiatische Welt sieht den Körper und den Geist gemeinsam, als Ganzes. Diese Erkenntnis wird heute bei uns selten angewandt. Vielmehr neigt der westliche Mensch dazu, Einzelteile ob ihrer Wichtigkeit oder Notwendigkeit als Teil des Ganzen zu überschätzen. Damit ist nicht die Spezialisierung gemeint, denn diese gab und gibt es, wie jeder weiß, auch in Japan. Nein, damit ist gemeint, dass Lernen auch bedeutet, den Überblick zu behalten - und vor allem den Grund des Lernens immer vor Augen zu haben. Den Grund ihres Lernens können immer nur Sie bestimmen und haben Sie gewählt. Es ist nicht der Meister und nicht der Lehrer, geschweige denn die Gesellschaft, die ihnen vorschreibt WARUM und WAS Sie lernen sollen. Sie, einzig und alleine, bestimmen dies.
Eine wesentliche Voraussetzung zum Studium des ZEN und des Bujutsu.
Ein weit verbreitetes Missverständnis ist auch, dass die fernöstlichen Kampfkünste zur "psychologischen Abreaktion" dienen sollen. Ein wesentliches Ziel ist es ja, KEINE Aggressionen mehr zu haben. Wozu diese dann abreagieren?
Kampfkunst bedeutet in jedem Fall mehr als nur körperliche Betätigung.
Kampf gegen die Angst
Zu guter Letzt ging es auch um die Behandlung der Angst. Auch Samurai hatten Angst und suchten daher nach einer Möglichkeit, diese in den Griff zu bekommen. Entgegen der allgemeinen westlichen Vorstellung gingen die Samurai nicht noch mehr kämpfen, als sie es sowieso mussten, um die Angst kontrollieren zu lernen, denn ein Heimkommen war nie garantiert. Sie erarbeiteten vielmehr andere Möglichkeiten um Selbsterkenntnis zu erlernen. Basierend auf der ZEN-Buddhistischen Philosophie und in Verbindung mit dem Shintoismus erwarben sich die Menschen die notwendige Information über sich selbst. Bis zu dem Zeitpunkt der Auflösung des Ego, da Angst im ZEN als Egoismus verstanden wird. Solange es ein ICH gibt, hat es Angst verletzt zu werden.
Die Philosophie wurde mit demselben zeitlichen und körperlichen Aufwand betrieben wie das körperliche Training. Kein Wunder also, dass diese Kombination unumgänglich für die Ausbildung eines Samurai war. Kein Wunder, dass auch heutzutage die Philosophie und der Shintoismus im Leben eines jeden Japaners eine wichtige Rolle spielt. Ganz im Gegensatz zum Westen, wo die großartigen Philosophen, welche den asiatischen in nichts nachstehen, entweder vergessen oder zumeist unbekannt sind.
Dazu ist hervorzuheben, dass die Philosophie unmittelbare Auswirkungen auf den körperlichen Einsatz im Training hat. Die chinesische Medizin hat das "Lesen" des Körpers als eine Grundlage ihres Diagnoseverfahrens entwickelt:
"Der Körper spricht die Sprache der Seele, die Seele spricht die Sprache des Körpers".
Wenn Sie sich selbst in bestimmten Situationen beobachten und Ihre Erfahrungen speichern und danach einen anderen Menschen in genau derselben Situation analysieren, dann können Sie mit viel Übung und Erkenntnis von sich auf die seelischen, mentalen und körperlichen Zustände anderer Menschen schließen.
Das fängt im Kampf mit einfachen Dingen an (z.B. Zittern, Schweiß, Atem, Körperhaltung) und hört mit überlegener Ruhe des Geistes und des Körpers auf.
Der Schlüssel liegt in der intensiven und regelmäßigen Auseinandersetzung mit sich selbst. Im Sitzen ("ZAZEN"), wie auch im Training.