Ich war noch jung. Damals fuhr ich mit der U-Bahn. Und wie so viele Jugendliche kreisten meine Gedanken damals um äußerst Wichtiges.
Eines Tages, ich erinnere mich heute noch genau, als wäre es gestern passiert.
Ich saß in der U-Bahn am Fenster. Diese waren gekippt. Es war Sommer.
Leichte Kleidung, die Menschen ein wenig fröhlicher und alle hatten Sonnenbrillen auf.
Ich saß also am Fenster und bei einer Station stieg eine Frau ein uns setzte sich mir gegenüber. Auch sie hatte Sonnenbrillen.
Wir fuhren los.
Und plötzlich kam mir dieses Gefühl.
Obwohl ich diese Frau noch nie vorher gesehen hatte spürte ich Vertrautheit.
Keine Gedanken mehr. Ich konnte spüren wie sich durch die Sonnenbrillen unsere Blicke trafen. Wir konnten für die wenigen Minuten nicht von uns ablassen. Wir saßen da, starrten und an, waren sprachlos, hatten Wärme um unsere Herzen und spürten diese Unruhe in uns doch irgendein Zeichen von uns zu geben.
Wir taten es nicht.
Zwei Stationen später stand sie auf. Sie musste aussteigen.
Mein Fenster schaute Richtung Bahnsteig.
Da ging Sie. Und als der Zug an ihr vorbeifuhr, musste ich mich nach ihr umdrehen.
Da war es.
Sie hob ihre Hand. Und winkte mir.
Ohne nachzudenken tat ich dasselbe.
Erst jetzt, nachdem der Zug wieder im Dunkel verschwand bereute ich sie nicht angesprochen zu haben.
Aber die Gefühle in mir, als wir uns anstarrten waren so stark, dass denken nicht mehr möglich war.
Nie wieder sah ich diese Frau.
Ein paar Jahre später meldete ich mich für einen Job im Ausland.
Dazu musste ich nach Korfu.
Von dort aus sollten alle Mitarbeiter über Griechenland verteilt werden.
Wir hatten also mehrere Tage bezahlten Urlaub.
Die letzte Nacht konnte ich nicht gut schlafen und war demnach sehr zeitig wach.
Ich war alleine und ging zum Strand.
Die Sonne ging gerade auf.
Als ich mich in den Sand legte bemerkte ich einen jungen Kollegen neben mir. Ich hatte ihn vorher nie gesehen. Wir stellten uns einander vor und bemerkten, dass er am anderen Ende von Griechenland arbeiten werde.
Danach verfielen wir in Schweigen.
Wir starrten aufs Meer.
Und plötzlich sagte er:“Wenn es reden könnte“.
Ich fragte:“Was?“
Er antwortete:“Das Meer, wenn es reden könnte, was würde es uns für tolle Geschichten erzählen“.
Danach schwiegen wir wieder. Wir verabschiedeten uns. Ich habe ihn nie wieder gesehen.
Heute, mehr als zwanzig Jahre später, sind mir diese Erinnerungen noch immer im Kopf.
Und im Herzen.
Es waren Situationen, die mir auf eindrücklichste Art und Weise Fühlen vermittelten.
Wenn der Kopf nicht mehr funktioniert.
Wenn nur mehr das Herz arbeitet.
Dann wird es ruhig, dann wird es still.
Die Erinnerung daran ist das Gefühl.
Ich weiß nicht mehr wie beide aussahen, aber ich weiß, wie es sich angefühlt hat.
Als wäre es gerade JETZT.
Heute verstehe ich, nur solche Erinnerungen zählen.
Heute versuche ich so zu leben.
Das ist ZEN, kein Gedanke, kein Wunsch, kein Fokus auf Atmen, einfach nur fühlen.
Für mich…