Wie schon in unserem Film erwähnt ist Takeda Ryu einer der ältesten japanischen Kampfkünste Japans. Es gibt ein Buch, das sich „Bugei Ryuha Dai Jiten“ –„Das große Lexikon der Kampfkünste“ nennt.

Um 1800 taten sich einige Interessierte daran die Geschichte der Kampfkünste in Japan chronologisch aufzuzeichnen. Dabei fanden Sie auch Takeda Ryu und nach langem Forschen erstellten Sie den Stammbaum, der heute immer wieder kopiert wird.

Eine der Hauptfragen bleibt, wie kann etwas so lange überleben, warum wird etwas, egal ob eine Schule oder eine Fertigkeit, über so lange Zeit, 800 Jahre, weitergegeben?
Selbst Marc Aurel, als großer Feldherr und Denker, wusste schon damals, dass nichts auf der Welt von Dauer ist. Alles unterliegt einer stetigen Veränderung.
Wenn wir sterben zerfällt unser Körper in seine Bestandteile (Atome) und diese werden zum Aufbau neuen Lebens benötigt.
Sie können sich also nicht sicher sein, ob in ihnen nicht ein Atom einer Rose, eines Elefanten oder Buddhas oder Jesus ist. Wenn man bedenkt, dass ein Mensch aus 10 hoch 22 Zellen besteht und diese wiederum aus Atomen und wir aber nur 8 Milliarden Menschen sind, dann ist diese Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch, nicht wahr?
Das gilt für Menschen, wie für Tiere, wie für alles im Universum.

Aber wie sieht es mit Gedanken aus? Bujutsu ist nichts anderes als eine Ansammlung an Gedanken, zu einem Konstrukt zusammengestellt. Warum überleben diese Gedanken so lange?

Manche nennen es Evolution, andere die Notwendigkeit des Lebens.
Die Theorie besagt, dass wir unsere Augen nahe an unserer Nase haben damit wir sehen was wir riechen, umso einen Kontext im  Hirn herzustellen (mindestens zwei Sinne simultan, erst dann gilt etwas als im Hirn verankert). Haben wir es einmal gesehen und gerochen dann sollten wir es kosten. Der Grund warum sich unter der Nase unser Mund befindet. Und die Hände zeigen in Richtung der Augen damit das Gesehene berührt werden kann.
Als größte Empfindung gilt das gleichzeitige triggern aller Sinne im Gesicht.
Wie beim Essen zum Beispiel oder bei der Liebe.

Dieses System hat sich bewährt. Darum wurde es nicht mehr geändert. Das Hirn dahinter wurde größer, um mehr Daten speichern zu können, aber die Medien der Informationsaufnahme haben sich nicht mehr geändert.
Ganz einfach aus dem Grund, weil Sie die qualitativ hochwertigste Einrichtung sind.
Damit kommen wir zum Punkt. Das einzige was Jahrtausende überdauern kann ist unbestreitbare Qualität.
Nun wie definiert sich Qualität.
Heutzutage würden viele sagen: „Wenn etwas seinen bedachten Zweck ausreichend erfüllt“
Das nenne ich Mittelmaß.
„Wenn etwas seinen Zweck herausragend, am besten erfüllt“ – das nenne ich Qualität.
UM aber zu der letzten Aussage zu kommen bedarf es ausreichender, tiefer Auseinandersetzung mit der Materie. Erst danach kann man für sich entscheiden ob es oberste Qualität erreicht hat.
Im 20 Jhd. haben wir dann  Qualitätsmanager eingeführt, die anderen sagen was Qualität sein soll, unbedacht, dass die beste Qualität nur eine sein kann, die finanzielle Vorgaben erfüllt.
Dass Waschmaschinen, Autos, Glühlampen usw. ABSICHTLICH so gebaut werden (aber nicht müssten), dass diese nach einiger Zeit kaputt werden, wissen noch immer zu wenige.
Und die, die es wissen schütteln den Kopf uns sagen, kann man eh nix dagegen machen.
Sie sind so auf voller Linie der Wirtschaft.

Aber es gibt auch Qualitätsmanager, selten aber doch, die nicht nur auf Finanzielles schauen.
In alten japanischen Kampfkünsten fiel diese Aufgabe dem „Soke“ – dem Oberhaupt zu. Jeder Soke musste bevor er eine Schule in die nächste Generation führte einen Eid ablegen. Vor sich und den Ahnen.
Im übernehmen dieser Bürde wurden ihm dann vom Vorgänger-Soke einige Geheimnisse mit auf dem Weg gegeben.
Es bedeutete nicht automatisch, dass ein neuer Soke auch der „Beste“ seiner Zunft war. Es bedeutete, dass der Meister das Potential im Schüler erkannt hatte und ihm zutraute durch seine eigenen Leistungen in den Rang eines Soke’s aufzusteigen. Denn auch das war den Japanern klar. Man wächst mit der Aufgabe.
Die Geheimnisse, welche auf den neuen Soke übergingen waren zumeist Schriftzeichen. Einzelne auf einem Papier in Reihenfolge zusammengesetzt. Ein Laie konnte diese Schriftzeichen nie verstehen, da immer nur die ersten eines Satzes untereinander geschrieben wurden.
Der Rest des Satzes wurde mündlich („kuden“) überliefert.

Eine dieser Überlieferungen heißt „SHU – HA – RI“.
In der Takeda Schule gibt es die sieben Geheimnisse. Je höher man kommt, desto mehr werden einem erklärt. Und jedes dieser Geheimnisse wird durch ein Zeichen repräsentiert.

ShuhariSHU – HA – RI ist kein Geheimnis, aber es ist eine notwendige Voraussetzung zu diesen zu gelangen.
Es zeigt, dass die Takeda Samurai tiefgründig denkende Menschen waren.
„SHU“ heißt in etwa „behalten“
„HA“ heißt in etwa „brechen“
„RI“ heißt in etwa „teilen“
Diese drei Zeichen beschreiben alle Abläufe im Universum.
Vom Großen bis zum Kleinen.

Zuerst schaue dem Meister nur zu und behalte das Gesehene in Dir, mach es ständig nach = SHU.

Nach einiger Zeit mache genau das Gegenteil von dem was der Meister macht, brich die Tradition. Beginne Deinen eigenen Weg zu formen. = HA.

Danach trenne Dich vom Meister, gehe Deinen selbstgefundenen Weg, werde selbst ein Meister= RI

Jeder, der Kinder hat, weiß um denselben Ablauf beim Erwachsen werden.
Jeder, der in der Wirtschaft tätig ist, weiß um den Ablauf einer neuen Idee bis zu deren Massenproduktion. Diese repräsentiert HA. Kommt dann jemand und setzt auf dem eingestellten Trend etwas Neues drauf ist das RI. Stichwort: Iphone, Ipad.
Telefone und Tablets gab es schon vorher. Aber eben nicht solche. Und warum wurden diese so ein Erfolg? Sie versprachen Qualität. Gute Qualität.
Wie im Bujutsu.
Ein guter, wahrer Meister führt seinen Schüler zum RI. Entlässt ihn und kann mit der Gewissheit sterben das Überleben seiner Schule gesichert zu haben.
Aber da es sich beim SHU – HA – RI um ein Naturgesetz handelt muss der Meister es auch nicht wollen.
Es passiert trotzdem, manchmal. Und das ist das Gute daran.
Ein Soke schwört einen Eid auf die Schule. Damit ist klargestellt, dass es wichtigeres gibt als seine eigene Person. Wer Kinder hat weiß wovon ich rede.
Im Falle eines Sokes ist es die Schule.
Verlässt aber dieser den Weg des SHU – HA – RI, so ist diese gefährdet.

Dennoch einige Male gibt es Schüler, deren Herzen brennen, die erkannt haben, dass es um Weitergabe des Feuers und nicht der Asche geht.
Die alles hingeben, um weiterzukommen.
Die alles auf eine Karte setzen.

Diese Menschen sind selten. Und deswegen fürchten sich viele vor ihnen. Vor allem die „Meister“. Schüler, die nicht den Meister, sondern die Schule verehren haben einen Idealismusbefreiten Zugang.
Und zeigen so im Negativfall die Schwächen des Meisters auf.

Auch das ist SHU – HA – RI.
Stellt sich ein Mensch zu viel in den Mittelpunkt werden ihn am Anfang viele Nachahmen.
Dadurch gewinnen die Nachahmer Selbstvertrauen und denken mit der Zeit es auch so gut zu können.
Am Schluss wird es langweilig und der Star wird  verlassen, ein Neuer wird gesucht.
Langeweile ist immer ein Vorzeichen.

Selten, aber doch, treffen sich Meister und Schüler, welche die Schule und nicht sich selbst zum Ziel erheben. Auf so einen Menschen wartet der Soke.
Lange, mitunter sein ganzes Leben lang.

Wenn dieser Moment eintritt kommt es zu Ishin Denshin. So werden die letzten Geheimnisse übertragen.
Wenn man RI erreicht hat sind alle Prinzipien „verdaut“ heißt es im Japanischen. (Interessant ist immer wieder der Bezug um Körper und nicht zum Hirn)
Erst wenn diese verdaut sind wird Intuition daraus. Der Faktor Zeit ist evident.
Dann entsteht ein Gefühl von einfacher Schönheit in einem. „Wabi no sabi“
Dann entstehen wie von alleine schöne Bewegungen. Und man erkennt sich selbst im Nachahmen des Meisters wieder.
Nur dieses Mal sind es Deine eigenen Bewegungen.
Ab jetzt gibt es zwei Meister.

Schüler, die ihren Meistern am Rockzipfel hängen, zu feig sind eigene Wege zu gehen, quasi immer Führung brauchen, werden sich schwer tun Meister zu werden.

Es ist wie beim „klonen“. Jedes Mal geht beim Klonen ein Teil verloren. So lange bis es keine Überlebensfähigkeit mehr gibt.
Kopiert man immer nur seinen Meister geht Wissen verloren.
„RI“ – bedeutet das Kopieren, Nachahmen aufgegeben zu haben. Den Meister als Hüter der Schule und nicht den Meister als Schule zu sehen.

Zuerst lernst du Buchstaben, dann Worte, dann Sätze – SHU
Dann lernst du lesen, dann verstehen, dann denken – HA
Dann kombinieren, dann erklären, dann schreiben – RI

Du wirst geboren. Du bist ein Baby. Deine Eltern hüten Dich – SHU
Mit 2-3 Jahren lernst Du ein Wort „ICH“. Der Anfang vom – HA
Pubertät, von zu Hause ausziehen, eigene Familie – RI

Wer genau sucht findet SHU – HA – RI in allem Leben.
In Japan nennt man dies die heiligen Drei.
Alles im Universum besteht aus Minimum drei.
Kennt man nur Zwei steckt man fest.
Für jedes Problem gibt es drei Lösungen. Zwei sind schnell gefunden, aber die Dritte?
Die Dritte bedeutet Übersicht.

Aber so viele bleiben beim HA.
HA ist komfortabel, nicht gefährlich.
HA heißt einfach immer in Opposition zu sein.
HA ist immer mit dem Finger auf andere zeigen.
HA ist darauf zu warten, dass andere versagen.
HA ist der Affe, der jeder Anweisung folgt.

Ein Bujutsu Meister, der seine Schüler bei HA belässt ist keiner. Er ist ein Egoist.

Eltern wissen es, der Tag wird kommen. Sein eigen Blut in die Welt entlassen.
Es ist notwendig. Es ist hart, aber es muss getan werden.
Alles andere ist gegen die Natur.

Natur, zurück zum Anfang.
Ein Atom von jedem steckt in uns allen…