Als Anfang des 20 Jhd. in Frankreich die erste „Sèance de Jiu Jitsu“ abgehalten wurde, hätte man es gleich wissen können.
Mit japanischer Kampfkunst wird nicht anders verfahren.
Zur Weltausstellung in Wien 1873 kamen zwar Samurai angereist, aber gezeigt dürften diese damals nichts haben, sonst gäbe es Aufzeichnungen oder zumindest Berichte.
Wahrscheinlich bekamen die auserwählten Herren von ihrem Kaiser die Order stumm zu bleiben wurde doch gerade die Meji Zeit ausgerufen.
Nun wie kann man sich das vorstellen? Damals 1905 in einem Palais mitten in Paris.
Die höhere Gesellschaft kam um sich eine Darbietung anzusehen. Einige Herren in weißen Gewändern zeigten vor, wie man sich gegen Angriffe verteidigen könne.
Mit Sicherheit ein Spektakel. Anschließend Champagner und Cocktail Dinatoire.
Ein kleiner Bericht in einer namhaften Tageszeitung,
Voila…
Hat sich seitdem etwas geändert? Nichts.
Jüngst bekam ich ein Video der ersten Vorführung unserer Schule in Europa zu sehen. Im Jahre 1987 hatte die einzige Lehrerin, die es je gab, die höchsten Meister nach Frankreich gebracht. (Wieder Frankreich)
Es sollte auch damals bekannt gewesen sein, sich nach der jeweiligen Sitte des Gastes zu begrüßen.
Nun ja, wie erwähnt, sollte.
Zu Beginn einer jeden Übung sitzen die Teilnehmer in einer Linie aufgefädelt den Meistern, ebenfalls in einer Linie, gegenüber.
Das gegenseitige Verneigen stellt die Begrüßung dar.
Als Monika, die Lehrerin, das Kommando zur gegenseitigen Verneigung gab senkten alle Anwesenden ihre Häupter und was folgte war …. Stille.
Richtig allerdings wäre gewesen, „Onegai Shimasu“ zu sagen, was soviel wie „Darf ich bitten. Bitteschön“ bedeutet.
Dieser Satz kam aber nur von den Meistern.
Spannend an dieser Situation war, dass auf französischer Seite mehrere sogenannte „Meister“ Platz genommen hatten, die schon öfters in Japan gewesen sein sollen.
Das Video läuft weiter …. für Laien eher uninteressant, bis zu dieser komischen Stelle, wo alle herumstehen und sitzen und keiner mehr etwas sagt.
Soke (= das Oberhaupt der Schule), Meister Toyoshima und Sensei (= Lehrerin) Werhahn-Mees stehen regungslos im Raum.
Toyoshima die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Regungslos.
Dann fasst sich Sensei Monika ein Herz und sagt zum Veranstalter, daß man ihnen bitte „Refreshments“ bringen sollte.
Sie seien alle doch schon ziemlich am Zahnfleisch.
Was folgt ist aufgeregtes Herumgehüpfe ….
Neulich bekam ich ein Email. Von jemanden den ich nicht kenne.
In seiner Signatur findet sich folgendes:
Special Combat Self-Defense Systems 7 Dan
Budo Shindo Ryu Ju-Jutsu 6 Dan
Koryu Bujutsu Ju-Jutsu 6 Dan
Kakuto Karate Jutsu 6 Dan
Wakazamurai 6 Dan
Jissen Kaikan Karate 4 Dan
Martial arts Police Method 3 Dan
Krav Maga 3 Dan
Chinese Kempo 2 Dan
Krav Maga Chief Instructor
Kapap Chief Instructor
Also zählen wir mal nach: 11 verschiedene Schulen, ok jetzt nehm ich aber den Taschenrechner, 43 !!! DAN-Grade
Wie geht das?
Wenn man in meiner Schule den höchsten aller höchsten Grade erreichen will, den Kaiden Shihan, dann hat man mindestens schon 45 Jahre Training am Buckel und hat maximal den 8.DAN in jeder Hauptdisziplin ergo 40 DAN Grade.
Nach so langer Zeit in nur EINER Schule. Und nebenbei gesagt hat niemand die 8er Reihe, wie es zu nennen pflege, bis dato geschafft.
Also wie macht man das mit 43 Graden und einem Alter unter 50 bei 11 verschiedenen Schulen?
Mir wird schwindlig.
Nun es hat sich nichts geändert.
Als die Herren 1905 vorführten war es für die Zuseher das gleiche wie ins Kino zu gehen, welches es damals noch nicht gab.
Oder in den Zoo.
Das Bestaunen fremder Tiere und Menschen ist immer mit Desinteresse verknüpft.
Man braucht sich nur selbst beobachten, wenn man in den Tiergarten geht.
Oder können Sie ihrem Kind den Brutzyklus eines Pinguins erklären, während dieser im Wasser herumplanscht?
Tiere werden zur Konsumware. Schließlich will der Tiergarten Geld verdienen sonst kann er die Tiere nicht erhalten.
In einer Dokumentation über die Wiener Weltausstellung von 1873 wurde erstmals eröffnet, dass einiger Indianer aus Amerika, welche in ihren Tipis wohnten starben.
Sie durften ihr eingezäuntes Gelände nicht verlassen und mussten die Nahrung, welche ihnen gebracht wurde essen.
Das hielten einige nicht durch.
Menschen wurden zum Konsum zu dieser Zeit.
Und dieser Umgang mit anderen Kulturen hat sich zum Großteil auch heute nicht geändert.
Deswegen ziehen viele wie Heuschrecken von einer Schule zur nächsten, in der Hoffnung mehr Wissen konsumieren zu können.
Viele davon, um sich ihren eigenen Zoo aufzumachen.
Höflichkeit ist nicht nur eine Umgangsform. Höflichkeit ist eine Tugend.
Höflichkeit bringt den nötigen Abstand sich eine Sache komplett ansehen zu können.
Distanz eröffnet Weite im Sehen und Spüren.
Sich Fremdem distanziert zu nähern braucht Gespür und Behutsamkeit.
Überall in Japan begrüßt man sich mit einer Verneigung und einem Satz.
Wieso plötzlich nicht mehr?
Und so ging es dahin. Die Meister wurden behandelt wie Vieh. Sie liesen sich auch so behandeln, wussten es ja nicht besser und dachten sich, so seien die Europäer eben.
Diese Verrohung im Umgang führte nicht zu Missverständnissen sondern zur einzig logischen Folge.
Auch wir Europäer werden als Konsum betrachtet.
Wir brauchen uns also nicht zu wundern.
Wie schwierig ist es dann den richtigen Umgang, das richtige Verständnis und die notwendige Behutsamkeit zu lehren?
Sehr, aber es ist wichtig, denn es ist und bleibt eine Kunst, meine Kunst, die ich ausübe.
Und jeder andere auch, der es ebenfalls mit Hingabe, Respekt und Wohlwollen betreibt sollte als das gesehen werden was Sie/Er ist, ein Künstler.
Und da funktioniert der Umgang mit Japan und Europa reibungslos.