So oft habe ich den „Alten“ gesehen, so oft hat er gezeigt, gemacht und getan.
Ich habe mit ihm trainiert und so lange habe ich es nicht verstanden.
Alle Geheimnisse stehen da vor einem selbst, aber niemand sieht sie.
Jeder hat seine eigene Interpretation von Dingen.
Wenn Soke etwas erklärte, dann übersetzte jeder Schüler das Gesagte in seine eigene Sprache.
Damit ist es schon Interpretation.
Je länger und intensiver jemand an seiner Sache arbeitet, desto mehr versteht er/sie davon.
Und desto mehr ändern sich seine Ansichten. Aber es sind noch immer seine eigenen Ansichten.
Damit hat also jeder eine richtige Ansicht, gemessen am Fortschritt seiner Entwicklung.
Deswegen spricht man in Japan vom „offenen Geheimnis“.
Es ist die Kultur, die mit diesem Faktum verschieden umgeht.
In Japan ist sich der Schüler darüber bewusst und verweilt in Schweigen.
Seine Hauptaufgabe sieht der aufrechte Schüler darin, so viel als möglich zu sehen.
Ich habe viele Schüler sowohl Soke`s als auch von Toyoshima sensei getroffen, die seit mehreren Jahrzehnten keine einzige Frage gestellt haben.
Als ich das erste Mal dort war, stellte ich Fragen. Viele Fragen.
Unsere Kultur baut auf der Frage auf. ALLES bei uns ist Ergebnis einer Frage.
Ja, wir fragen sogar, wenn wir jemanden heiraten wollen.
Fragen ist die Basis der Erkenntnis, wird jedem Philosophiestudenten in Europa erklärt.
Nun, wie nähert man sich einer fremden Kultur? Mein Weg war, es den Einheimischen gleich zu tun.
Ich hörte zu fragen auf.
Dazu brauchte ich gehöriges Vertrauen.
Etwas, dass man mir vor langer Zeit zerstört hatte.
Es ist enorm, welcher Platz, welcher Raum in einem Kopf frei wird, wenn der Drang der Eigeninterpretation, der Wunsch der Frage, die Suche nach Bestätigung eigener Gedanken verdrängt wird durch zuschauen, durch nachahmen, durch den Versuch eine andere Person zu kopieren.
Eben einfach „mitori geko“, mit den Augen fassen.
Ein Meister ist jemand, der über den Weg des Nachmachens zu sich selbst gefunden hat.
Sie können natürlich die Zwiebel weiter so schneiden, wie Sie es für richtig halten.
Und damit nie wieder in ihrem Leben daran etwas ändern.
Sie könnten aber auch einem Meisterkoch zusehen und es ihm nachmachen.
Und danach dem Nächsten und dem Nächsten.
Und nach einer gehörigen Menge Tränen und Zwiebeln finden Sie ihren tatsächlichen Weg des Zwiebelschneiden, weil alles nachmachen in ihnen vereint zu Tage tritt.
Und wozu? Es ist noch immer nur Zwiebelschneiden.
DAS war eine Frage.
Aber vielleicht hilft es ihnen zu wissen, dass Zwiebelschneiden, eine Rolle zu machen, den Puls nach einem Lauf zu senken, die Ruhe im Kampf zu bewahren, endlich das Schwert zum pfeifen zu bringen, alles das Gleiche ist.

