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… über Expertise

Neulich traf ich einen Schulfreund. Wir hatten uns seit zehn Jahren nicht mehr gesehen, aber das macht nichts, wir kennen uns seit dreißig.

Nach so langer Zeit gibt es viel zu erzählen. Während unseres Gespräches kamen wir auf seinen Beruf  zu sprechen und unweigerlich auch darauf, ob er zufrieden mit seinem Job sei.
Da er in Kürze Vater wird verschoben sich auf in diesem Bereich seine Prioritäten.

Da er schon eine ziemliche Karriere hingelegt hatte fragte ich ihn nach noch möglichen Aufstiegschancen in seiner Firma.
Seine Antwort beeindruckte mich, um es höflich zu formulieren.
Die Standardantwort  bei Assesment Center oder sonst dergleichen Auswahlverfahren ist offensichtlich seit neuestem „Aber Sie machen diese Arbeit schon zu lange, Sie kennen sich zu gut aus.“

Mein Freund ist tatsächlich auf seinem Gebiet nach mehr als 20 Jahren eine Koryphäe, aber dies scheint beim Aufstieg neuerdings hinderlich zu sein.
Das Argument dahinter ist die Betriebsblindheit.
Die Annahme ist, dass jemand mit soviel Kenntnis der Materie nicht mehr offen genug für neue Ideen sei.

Dies ist wirklich erstaunlich.
Es mag ein Körnchen Wahrheit daran liegen, dass Kenntnis vor Ideen scheut, aber gleichzeitig wird angenommen, dass jemand der zwanzig Jahre lang einen Job sehr gut macht jegliche Lust des Lernens verloren hätte.
Es ist der Generalverdacht der Unzufriedenheit der hier vorliegt.

Dieses Sittenbild macht mich staunen zumal täglich Millionen Beispiele an uns vorbeilaufen, die dieser Vorstellung widersprechen.
Und ich bin mir sicher, dass in den Chefetagen auch einige darunter sein werden, nämlich Eltern.
Stellen wir uns vor den Eltern geht die Lust an Eltern-sein verloren.
Ich meine Sie machen das auch schon Jahrzehnte lang.
In der Psychologie nennt man das „Base-neglect bias“. Die Angst des Vorgesetzten der Mitarbeiter könnte mehr Wissen als er haben führt dazu die Expertise als unnötig abzutun.
Dabei ist der Blick in die Geschichte der erfolgreichen Unternehmen einer, der beweist dass erst nach langen Durststrecken der große Durchbruch zu erwarten ist.
Allen voran Steve Jobs. Wann hat er den Ipod erfunden? Nach 5 Jahren? Geh Bledsinn.

In Kombination mit dem Faktum, dass Erfahrung nicht weitergegeben werden kann ist die Annahme das Expertise Erneuerungen hinderlich im Wege steht fatal und kennzeichnend für den vorherrschenden Geist dieser Zeit.
Denn beschließt mein Freund aufzusteigen muss er etwas machen, das er vorher noch nie gemacht hat.
Sein Nachfolger ist ebenso unerfahren und wird im Zuge seiner Tätigkeit von vorne anfangen müssen.
Mit all den Fehlern, die erst die Erfahrung bringen.
Damit tritt die Firma unweigerlich am Fleck. Gerade DAS ist das Hemmnis zum Fortschritt.

Auf der Matte ist es genauso.
Viele Schüler haben meine Matten betreten und auch wieder verlassen.
Solange Sie bei mir waren, konnte das Training nicht gut genug sein. „Einzigartig, hervorragend“ waren einige Worte, die in den Mund genommen wurden.

Dann kam die Zeit der Bestätigung des Könnens. Einige traten dazu gar nicht an. Andere waren geprägt von Selbstüberschätzung.
Und nachdem Prüfungen nicht geschafft wurden, waren alle anderen daran schuld nur man nicht selbst.
– es war eben noch nicht genügend Können vorhanden

Und dann machten sich einige auf die Suche nach einer leichteren Schule.
Just die Schulen, über die lauthals vorher geschimpft und gelächelt wurde.
– hier beginnt die Suche nach einem neuen Job, im Wissen Expertise ist nicht vorhanden.

Nun auch dort werden Prüfungen gemacht und siehe da dieses Mal werden diese geschafft.
– das Einstellungsgespräch lief gut, weil keine Vorkenntnis notwendig ist.

Und nach einiger Zeit macht sich wieder Langeweile breit und der Weg beginnt wieder von Neuem.

Das passiert wenn Expertise, Erfahrung nicht als positiv erachtet wird.
Das passiert wenn Unkenntnis als notwendig erachtet wird.

ABER das alles kann nicht passieren wenn jeder Mensch seinen Anspruch an sich selbst höher schraubt als der gewollte Anspruch der Umgebung.
Denn schließlich darf eines nie vergessen werden.

Es gehören immer zwei dazu.
Derjenige der fordert seinen Anspruch auf ein Maß zu reduzieren, das unter der Menschenwürde liegt, und der andere, der auf diese Forderung eingeht.

„Be yourself, be brave and stick to the exercise“ … wie mein Meister immer sagte oder wie Morita sensei mir geschrieben hat.

 

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