Die Einfahrt ins Dorf ist schön verziert. Es wird in Kürze ein Volksfest geben steht auf einem Schild.
Menschen sitzen im Gasthaus und unterhalten sich.
Wir fahren zweimal rechts, dann einmal links in eine enge Gasse. Keine Menschen mehr.
Noch einmal um die Ecke und es öffnet sich eine breite schöne Strasse.
Links und rechts grünliche Zäune dahinter große villenähnliche Häuser.
Wir sind zu zweit.
Meine Begleitung war schon öfters hier. Er kennt sich aus.
Wir parken unsere Autos.
Wir steigen aus.
Es ist sehr leise.
Viele Hände öffnen mein Auto. Die Taschen und Koffer verschwinden von alleine.
Verschiedenste Sprachen, verschiedenste Töne, verschiedene Lautstärken.
Wir sind in Traiskirchen. Vor dem Flüchtlingslager.
Ein kleines junges Mädchen mit langen blonden Zöpfen grabscht sich einen Koffer.
Schon ist ein junger Mann zur Stelle und will sich den Koffer unter den Nagel reißen.
Das kleine Mädchen beginnt lauthals zu schreien. Schlägt mit den kleinen Händen auf die Pratzen des jungen Mannes.
Ich scheine der Einzige zu sein, der Notiz davon nimmt.
Unsere Autos sind leer. Wir fahren weiter. Ich sage ich möchte alles sehen, also fahren wir eine Runde um den Block.
Erst wenn man die Seite entlang fährt sieht man die Zelte im Innenhof der Anlage.
Auf der anderen Seite sind einige Zelte schon direkt neben der Straße, außerhalb der Anlage.
Kein Polizist, keine Security niemand überwacht diesen Zustand.
Wir parken. Ich muss frische Luft schnappen.
Was war eben passiert?
Nichts Aufregendes. Wir haben Kleidung zu den Flüchtlingen gebracht.
Ich bin Einer von Vielen.
Ich bin schockiert. Mir kommen die Tränen.
Ich bin nicht wütend, ich bin unendlich traurig.
Es ist das Mensch-sein.
Die Hände, die Augen, die Körperhaltungen.
Die Töne, die Gesten, die Bewegungen.
So will niemand Mensch sein.
So darf niemand Mensch sein müssen.
Niemand bettelt gerne, niemand kämpft gerne um Kleidung. Niemand will dass seine Kinder in so einem Zustand leben müssen.
Aber diese Kinder sind alleine.
Niemand zieht gerne gebrauchte Kleidung an.
Alle dort haben Bitte gesagt, niemand hat Danke gesagt.
Der Mensch reduziert sich in der Not auf das Wesentliche. Überleben.
Die Menschen sind gezeichnet. Wie auch immer deren Geschichte sein mag BIS sie zu uns gekommen sind.
Hier wird ihre Geschichte lauten:
Wir haben gewartet.
Wir saßen in der Hitze und schliefen in der Kälte.
Wir hatten keine Ahnung was passierte.
Wir hatten keine Ahnung warum es passierte.
Es kamen immer Menschen, deren Sprache wir nicht verstanden, die uns Sachen brachten, die uns nicht passten.
Aber Sie halfen uns in der Nacht und am Tag.
Ich würde mir wünschen, dass all diese Menschen irgendwann ihre Geschichten erzählen können.
Jemandem anderen. Ihren Kinder, ihren Enkeln.
Das würde nämlich heißen, Sie wären seßhaft geworden. Sie könnten in Ruhe ihre Erkenntnis weitergeben.
Sie hätten Ruhe gefunden. Sie könnten in der Wärme einer Wohnung ihre Enkeln auf den Schoß nehmen und erzählen:
Dass alle drei Minuten neue Autos mit Kleidung kamen.
Dass um 16:00 an jedem Tag kein Durchkommen mehr auf der Straße war, weil so viele nette Menschen ihre Sachen an uns weitergaben.
Dass wir uns nicht bedanken konnten weil wir ihre Sprache nicht verstanden. Dass wir uns schämten ihre Sachen annehmen zu müssen.
Dass wir ihnen nicht in die Augen schauen konnten.
Dass Sie uns angelächelt haben. Dass Sie versuchten unseren Kindern zu helfen.
Wir fahren noch einmal am Eingang vorbei. Dort wo unsere Autos standen.
Es stehen neue dort. Unsere Sache sind verschwunden.
Absorbiert, wie meine Begleitung es nennt.
Der imbizile Borkenkäfer von rechts wird meinen, Sie könnten doch alle lieber daheim bleiben.
Er solle sich auf die Straße setzen. Er soll betteln. Er soll ungefragt Hilfe bekommen.
Er soll sich beobachten wie er sich fühlt.
Und danach soll er schweigen.
Das was alle dort tun, schweigen.
So Mensch sein zu müssen ist für mein Herz unerträglich.
Aber ich kann nicht umhin darüber nachzudenken, woher diese Menschen kommen.
Wie ist wohl das Mensch sein dort?
Es muss um vieles Schlimmer sein.
Mein Österreich lasse ich mir nicht schlecht machen.
Die Politik ist das Eine, die Menschen sind das Andere.
Jeder, der in Traiskirchen arbeitet, tut es mit Hingabe und mit Anstrengung.
Alle drei Minuten kommt eine neues Auto mit vollem Kofferraum.
Jeden Tag, seit Wochen und es wird so weiter gehen.
Wir helfen.
Minütlich.
Wir Menschen helfen Menschen.
Es wird über die Politik gelästert. Die „Wichtigen“ machen sich wichtig.
Aber wir spenden. Wir fahren dorthin, wir helfen.
Wir tun was wir tun können.
Es gibt zwei direkt demokratisch gewählte Volksvertreter in Österreich.
Den Bundespräsidenten und den Bürgermeister.
Wenn über 300 Gemeinden keinen Flüchtling aufnehmen, dann muss es am Bürgermeister liegen.
Und an den Menschen, die er vertritt.
So wird Politik zu Menschen.
Menschen, die sich in den Spiegel schauen müssen.
Menschen, die hoffentlich nie „Bitte“ sagen müssen.
Menschen, die nicht in Zelten schlafen müssen, mit Sprachen umgeben, die sie nicht verstehen.
Aber diese Menschen leben wahrscheinlich nicht 28 Minuten davon entfernt.

