Ich bin ein Mittelding. Ich bin 44.
Meine Großeltern sind tot.
Meine Mutter ist Nachkriegsgeneration, aber meine Großeltern waren Kriegsgeneration.
Großvater mütterlicherseits, Kriegsgefangenschaft bei den Amerikanern.
Großvater väterlicherseits, Kriegsgefangenschaft bei den Russen.
Was habe ich in der Schule vom Krieg, von den Nazis, von dem Menschenhass, von dem Leiden, von der Angst, von den Zusammenhängen gelernt?
Nichts.
Ein paar Daten, ein paar Hinweise, damals hieß das alles noch geschichtliche Fakten.
Einmal hatte ich Glück. Mein Großvater väterlicherseits, ich ein junger Spund wollte die Abenteuer hören.
Zu wissen mit Waffen durchs Gelände zu hüpfen, quasi Räuber und Gendarm zu spielen fand ich als kleiner Fratz cool, also fragte ich meinen Großvater, der in der Marine war, wie das so war in China, denn dort war er eine Zeit lang. Erst nach langem Drängen gab er nach. Erzählte, dass er fasst gesunken wäre, ein Torpedo hat eingeschlagen, seine Kameraden seien ertrunken, nur weil eine große Welle kam, die das gekenterte Schiff wieder aufrichtete, kam er aus dem Maschinenraum heraus. In China wurde er damals Zeuge öffentlicher Hinrichtungen.
Jedes mal mit stoischer Ruhe erklärt. Er hat nicht gelächelt oder so, es war ihm, nach heutiger Sicht unangenehm, aber ich was sein Augenstern, er konnte mir keinen Wunsch ablehnen. Dann zeigte er mir altes Geld aus China. Für mich alles toll.
Eines Tages feierten er und meine Großmutter Jubiläum. Keine Ahnung wie lange das her war, aber er erzählte, als sie sich das erste Mal trafen. Im Praterstadion. Er frisch aus dem Krieg zurück, sein Heim in Trümmern, Sie aus den Fabriken entlassen. Im Praterstadion traf man sich, um zu tauschen.
Essen gegen Tschik, Nudeln gegen Konservendosen.
Und da erst war der Moment, als ihm die Tränen runter liefen. Er erzählte vom ersten gemeinsamen Abendessen.
Damals musste er die Erbsen und die Nudeln (die rohen) noch in der Abwasch einige Zeit im kalten Wasser einlegen. Das hatte den Effekt, das die Würmer, die sich schon in den verdorbenen Lebensmitteln vermehrt hatten, ersoffen und an die Wasseroberfläche kamen.
Resultat nach einiger Zeit war eine wurmfreie Nudelsuppe mit Erbsen.
Damals habe ich nichts verstanden. Heute mit eigenem Kind, mit dem Wunsch es vor allem Bösen zu bewahren, mit der ständigen Frage konfrontiert, WANN erkläre ich ihm das Böse in der Welt? Zerstöre ich ihm nicht dabei seine Kindheit? usw.
Heute kann ich verstehen warum mir mein Großvater nichts von den KZs erzählte, nichts von den abgetrennten Beinen und Armen, als das Torpedo eingeschlagen hat. Nichts von der Gefangenschaft und den verhungerten Leibern.
Vor allem hat er mir nie etwas davon erzählt, dass er sich unendlich geschämt hat.
Alle haben sich geschämt. Allen war es unangenehm zu denen gezählt zu werden, die alles kaputt gemacht haben.
Zu den Kriegstreibern, den Judenhassern, den Ungeheuern gezählt zu werden, die nur Wenige waren, aber zu denen alle gemacht wurden.
Nein, das wird jetzt keine Auseinandersetzung mit der Schuld im Krieg. Ich liebte meinen Großvater, er war mein erster Held und ich muss ihm nichts vergeben! Er hat mir nie etwas angetan. Er hat immer alles für mich getan.
Er musste sich selbst vergeben. Und das ist dieser Generation nie gelungen.
Mein Sohn mit seinen 9 Jahren geht heute schlafen und sagt :“Ich habe ein bisschen Angst was kommen kann.“ Ich frage ihn “ Warum, wovor?“ „Na es kommt ja ein Bürgerkrieg.“
Ach, jetzt würde ich ihn gerne einpacken, zu meinem Großvater fahren und ihn bitten meinem Sohn die Angst zu nehmen, zu sagen, Nein, dass ist nicht so wie damals, das ist nicht gefährlich, das ist nur Gequatsche.
Aber Großvater ist nicht da. Schon lange nicht mehr.
WER ist noch da?
Wir Menschen haben das gute und richtige Gespür nur denen alles zu glauben, die es erlebt haben. Ja, wir haben das.
ABER ICH HABE ES NICHT ERLEBT!
Ich kann meinem Sohn nur meine Meinung sagen, meine Hilfe anbieten, aber ich habe in derlei Dingen, wie Bürgerkrieg, Weltkrieg, Leid und Verlust, keine Erfahrung. Seine Großeltern aber auch nicht mehr!
WO sind diejenigen, die noch Erfahrung haben? Warum muss ein Präsidentenwahlkampf dafür sorgen, dass jemand aus der Versenkung auftaucht? Jetzt, bei einer Stichwahl.
Warum nicht vorher?
WO sind die Wenigen, die ihre Erlebnisse mit der Erkenntnis der Geschichte erklären können?
WO sind die Alten, die endlich aufgehört haben sich zu schämen, und zeigen, dass vieles was heute von Mitvierzigern erzählt wird, schlicht weg falsch ist?
Und redet euch nicht darauf aus, dass ihr keine Ahnung habt wie Facebook, wie eine Videokamera, wie ein Posting funktioniert.
Ihr habt Nachkommen, die können euch helfen.
Ihr sitzt in eurem Schneckenhaus, denkt euch, ihr habt nicht mehr lange zu leben, und deswegen braucht ihr nichts mehr zu sagen?
Ihr denkt euch, so lange hat mir niemand zugehört, mir ist die Lust vergangen?
Ihr meint, eurer Zug ist abgefahren, ihr seid in diesem System nur mehr Geduldete und nicht mehr direkt beitragendes Mitglied der Gesellschaft?
UND?
Wer wenn nicht ihr habt eine Verpflichtung den Menschen gegenüber.
Ihr habt es noch erlebt!
Ihr müsst noch einmal den Mut haben, auf die Straßen zu gehen, noch einmal die Menschen, um euch herum aufzuklären.
Erzählt uns allen wie es war.
Zeigt uns noch einmal eure Wunden.
Kämpft noch einmal den Kampf der Tränen und der Trauer.
Tut es für uns.
Tut es für meinen Sohn.
Ich bitte euch darum.
Inständig.
In voller Demut.

