Wie jedes Jahr finden im Jänner, am hoffentlich kältesten Tag des Jahres, die KYU Prüfungen statt.
Im Budo Institut herrscht nun schon seit 2 Monaten Hochbetrieb. So knapp vor dem Ende sind von den anfänglich Vielen nur mehr Einige übrig, die sich nun auch den Prüfungen stellen werden.
Prüfungen. Das ist so eine Sache.
Wir im Westen verstehen unter Prüfung das Testen des Wissens.
Im traditionellen Bujutsu wird aber Können geprüft.
Meine Aufgabe als Lehrer ist es genau dieses Können zu schulen und nicht das Wissen.
Andere schreiben Bücher in denen alles drinnen steht, was ein Schüler können muss.
Die Schüler müssen sich dann diese Bücher kaufen, um bei der Prüfung überhaupt antreten zu dürfen.
Daß es dabei nur ums Geld gehen kann ist evident.
Nach acht Jahrhunderten gibt es in unserer Schule in Japan noch immer kein Manual, das auswendig gelernt werden soll.
Warum soll ich dann eines einführen?
Viel mehr geht es ja beim Können um eine Eigenschaft, die Wissen nicht fördert.
Das Verknüpfen.
Die Unterteilung unserer Schule in 5 Hauptdisziplinen ist sehr jung.
Früher gab es diese nicht.
Und durch den Unterricht in den verschiedenen Techniken mit verschiedenen Anfängen lernte der Schüler Prinzipien.
Diese in jeglicher Situation (und eben nicht Disziplin) anzuwenden ist das Ziel.
Nun können wir aber nicht von Anfang an ohne Unterteilung lernen, da wir auf die menschliche Vorliebe Rücksicht nehmen müssen.
Daher beginnen wir mit einer Unterteilung, die sich nach langer Zeit des Trainings aufzulösen beginnt.
Diese Auflösung kann aber nur passieren, wenn die Basis, die Grundlagen (das KIHON) komplett und richtig intus sind.
Wenn das KIHON eben gekonnt und nicht gewusst wird.
Meine Aufgabe bei den Prüfungen ist die Überprüfung der Fähigkeiten, um ein richtiges Lernen zu garantieren.
Und HIER liegt der Unterschied zu einer Bücherausbildung, einer Wissensausbildung.
Das traditionelle japanische Verständnis von Lehre beruht auf Erfahrung.
Es ist von Anfang an klar, dass eine gewisse Dauer der Übung Können ausbildet.
Deswegen ist man in Japan, je länger man einer Profession nachgeht, desto höher angesehen.
Wir im Westen verklären das mit dem hüten der Tradition, obwohl es in Japan rein um das Verständnis des Könnens geht.
Seit neuestem verkaufen die Coaches in ihren Seminaren die 10.000 Stunden-Regel, die besagt, dass es eben so lange dauert, bis etwas gekonnt wird. (Was für ein Business Modell!!! Der Kunde muss mindestens 10 000 Stunden bei einem bleiben. ACH, was könnte ich nur Geld verdienen würde ich all die alten japanischen Weisheiten verkaufen. )
Das ist seit mehr als tausend Jahren in Japan bekannt!
Wenn ich nach Japan zu meinem Meister gehe werde ich ständig gefragt, wie lange ich schon trainiere.
Und wenn ich dann sage, 10 Jahre täglich Training, 15 Jahre täglich Lehrer plus Training (mehr als 25 000 Stunden), dann brechen die Japaner nicht regelmäßig vor Ehrfurcht zusammen, sondern schütteln leicht den Kopf, bedanken sich und wenden sich ab. Aber, und das ist deren Verständnis, mittlerweile werde ich von Japanern zu Techniken befragt.
All das schwingt bei unseren Prüfungen mit. Es ist nicht meine Aufgabe den Schülern einen Lebensweg vorzuzeichnen, aber wenn Sie im Budo Institut eine Prüfung bestehen, dann haben sie eine sichere und solide Grundlage für ihre 10 000 Stunden geschaffen, zumal das Training auch hilft abseits der Matte seinen Weg zu gehen.
Soke Nakamura wurde nach 10 Jahren Training bei seinem Meister und Soke davor, Oba Ichio, unvorbereitet eines Abends in sein Zimmer gerufen. Der junge Nakamura fragte sich, was er denn jetzt schon wieder ausgefressen hatte.
Mit eisener Miene befahl Sensei Oba den jungen Nakamura sich nieder zu setzen.
Er reichte ihm ein Blatt Papier und einen Pinsel.
Als Oba Ichio sich erhob, um zu seinem mit Eisen beschlagenen Kasten zu gehen, wusste der junge Nakamura was ihm bevor stand.
„Sofort bin ich auf den Knien nach hinten gerutscht, um mich tief zu verneigen und solange in dieser Position zu bleiben, bis Oba Sensei mir erlaubte mich aufzurichten“ : erzählte Soke Nakamura.
Oba Ichio nämlich holte das Densho aus eben diesen versperrbaren Kasten. Das Densho wird von Unwissenden als das Herz einer jeden traditionellen japanischen Kampfkunst gesehen. In dieser Schriftrolle (Densho) sollen die Techniken aufgezeichnet stehen, welche die Besonderheit der Schule ausmachen.
Soke Nakamura musste nun diese Bilder abmalen und verinnerlichen. Hiermit wurde die Weitergabe der Tradition gewährleistet. Was dem bewussten Leser aufgefallen ist, die Information WAS zur Schule gehört kam NACHHER.
Nach dem Training, nachdem das Können gezeigt wurde und nicht vorher.
Soviel zu den Büchern, da steht alles drinnen und die Schüler lernen danach.
Im Takeda Ryu lernen die Schüler davor.
Dieses DAVOR bringt nämlich noch einen anderen sehr wichtigen Aspekt mit aufs Tablet.
Wenn die Schüler nichts ablesen, nichts auswendig lernen können, wenn Sie keine Bilder abschauen oder Videos verwenden können, dann bleibt nur mehr eine einzige Quelle des Lernens übrig.
Der Lehrer.
Dieser muss alles vorzeigen, beherrschen ansonsten die Schüler den falschen Weg einschlagen.
Es fällt sowieso sofort auf, wenn ein Lehrer nicht das, was er predigt, beherrscht.
Und so bin auch ich gefordert immer mein Bestes zu geben, denn mein Fehler wird zum Fehler der Schüler.
Ich halte nichts von Stunden langen Erklärungen und Gequatsche. Vorzeigen, Bilder schaffen, die in den Augen der Schüler hängen bleiben, das ist es was zählt.
Sehen Sie selbst, erstmals, wie wir uns vorbereiten. Anstrengend aber ruhig.
Fordern aber ehrlich und vor allem, ALLE GEMEINSAM.

